Zwänge, Trauma und die Große Freiheit
Die drei Begriffe der Überschrift stellen eigentlich unüberwindliche Gegensätze dar. Gerade deshalb war es uns einen Versuch wert, Zwänge, Trauma und die große Freiheit zu einer Einheit zu führen. Ort des Geschehens war die Freie und Hansestadt Hamburg, der Anlass unser alljährliches Bundestreffen der Selbsthilfegruppen. Knapp 70 Vertreter der Selbsthilfegruppen folgten unserer Einladung. Sie waren u.a. aus Dresden, Leipzig, Annaberg, Freiburg, Lübbecke, Osnabrück, Kiel und Bremen angereist. Wie üblich, begrüßten wir am Freitagabend unsere Gäste mit einem gemeinsamen Abendessen. Hierbei konnte man sich schon mal kennenlernen und ganz ungezwungen miteinander ins Gespräch kommen. Am nächsten Morgen fanden sich dann alle, darunter auch viele Hamburger Teilnehmer, im kleinen Gemeindesaal der Christuskirche Hamburg-Wandsbek, zum Vortrag zu unserem Schwerpunktthema „Zwang und Trauma“ ein. Als Referentin hatten wir Frau PD Dr. Susanne Fricke vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) eingeladen. In Ihrem Vortrag beschrieb sie zunächst, das Trauma als seelische Wunde. Das Zusammentreffen von Trauma und Zwang sei deutlich häufiger als bislang bekannt. Eine von ihr geleitete Untersuchung des UKE habe ergeben, dass fast 50 Prozent der befragten 41 Zwangspatienten in ihrer Vergangenheit Misshandlung oder Vernachlässigung als Trauma erlebt haben. Die Zwänge dienten nach Einschätzung dieser Patienten, auch der Bewältigung der Wunden aus der Vergangenheit.
PD Dr. Susanne Fricke
Diesem Umstand müsse in der Verhaltenstherapie Rechnung getragen werden. Es gelte, bei traumatisierten Zwangspatienten sehr viel vorsichtiger in der Gestaltung der Therapie vorzugehen. Stehe ein Trauma im Vordergrund, solle erst die Stabilisierung des Patienten im Vordergrund stehen, bevor es zu einer Reizkonfrontation kommt, bei der einem schrittweisen Vorgehen und nicht der massierten Variante Vorzug zu geben sei. Eine massierte Exposition könne traumatischen Erfahrungen wieder hoch kommen lassen. Abschießend gab Frau Dr. Fricke die Empfehlung, bei der Therapie von Zwängen mit traumatischem Hintergrund sich nicht nur auf die Bewältigung der Zwangsstörung zu konzentrieren, sondern auch an der Steigerung der Lebensqualität zu arbeiten. Nach Diskussion dieser neuen Erkenntnisse und einer erholsamen Mittagspause teilen sich die Teilnehmer in drei Gruppen auf und arbeiteten am Nachmittag in Workshops weiter.
Der von Inga Boekhoff geleitete Workshop arbeitete am Schwerpunktthema weiter und erarbeitete Lösungswege der Selbsthilfe im Umgang mit Trauma und Zwang. Hierbei entstand diese Sammlung von Strategien: - Achtsamkeit, z.B. Es ist wichtig auf das eigene Bauchgefühl zu hören. - Lebe im Heute! Sorge für dich und liebe dich selbst! - Lasse negative Emotionen zu, d.h. Gefühle von Wut, Ärger und Trauer sind ausdrücklich erlaubt. - Neben der Verhaltenstherapie können z.B. auch Akupunktur, Shiatsu und Qi-Gong helfen. - Soziale Kontakte, Bewegung, gesunde Ernährung helfen ebenso, einen Weg aus dem Trauma und den Zwängen zu finden.
Gruppenarbeit in der Geschäftsstelle
Im Workshop von Holger Müller, beschäftigten sich die Teilnehmer mit der Rückfallprophylaxe nach stationärer Therapie. Hierbei entstand diese Sammlung von Strategien: - Loben und Belohnen für Erfolge, Entspannung erlernen. - Dem Zwang kein Einfallstor bieten, z.B. Tagesstruktur erarbeiten, sinnvolle Aufgabe Tätigkeit annehmen, Freizeit und Sport, aber auch Änderung der Wohnungseinrichtung oder ggf. Umzug. - Austausch mit anderen Betroffenen in einer Selbsthilfegruppe, um sich gegenseitig zu stützen. - Ehrlich mit der Erkrankung umgehen. - Warnsignale beachten: Reizbarkeit, schlechte Stimmung, sozialer Rückzug, körperliche Beeinträchtigung; dann sofort professionelle Hilfe holen.
Antonia Peters hat einen Workshop zur Trichotillomanie (zwanghaftes Haare ausreißen) angeboten. Auch hier ging es um den Rückfall aber unter der Fragestellung, warum die gelernten Strategien nicht angewendet würden. Es entstand eine interessante Sammlung von Gründen, die einen Rückfall begünstigten: - Ständige Achtsamkeit und Aufmerksamkeit ist zu anstrengend! - Wir erwarten zu viel von uns. - Jeder Mensch hat eine Macke, mit der er Stresssituationen oder Kummer bewältigt (Nägelkauen, zu viel Essen). - Wir warten oft zu lange, bis wir uns wieder professionelle Hilfe holen. - Oft wollen wir auch bewusst reißen, weil es nichts besseres gibt.
Zum Schluss stellte sich die Runde um Antonia Peters die Frage, wie sie sich in 5 Jahren sehen würden? Auch hierzu einige Stichworte: - Möchte noch mehr mit meiner Partnerin verreisen und schöne Dinge erleben. - Habe mein Beruf oder Studium abgeschlossen und habe einen guten und sicheren Arbeitsplatz. - Lebe in einer festen Partnerschaft, habe eine Familie, Kinder..... - Es geht mir gesundheitlich immer noch sehr gut. - Es gibt eine bessere Balance zwischen Berufs- und Privatleben
Nach der intensiven inhaltlichen Arbeit des Tages hatten wir uns frische Luft und geistige Entspannung verdient. Doch bevor wir zu der geplanten Stadterkundung aufmachten, besichtigten einige Teilnehmer noch die neue Geschäftsstelle. Sie ist nur 2 Minuten vom Gemeindehaus entfernt. Dann ging es mit der U-Bahn in Richtung St. Pauli. Hierbei konnten die Teilnehmer zwischen einer Rundfahrt durch den Hamburger Hafen und einem Rundgang durch die sündige Meile wählen.
Auf der Hafenrundfahrt
Die Wasserratten genossen mit Erläuterungen von Antonia Peters das Hamburger Panorama, sahen große und kleine Schiffe, fuhren am Elbstrand und Blankenese, eines der schönsten und teuersten Wohnviertels Hamburgs, vorbei und ließen sich frischen Wind um die Nase wehen. Die zweite Gruppe erkundete unter Führung von Wolf Hartmann den Stadtteil St. Pauli. Bereits auf dem Spielbudenplatz kreuzte mit Udo Lindenberg, Hamburger Prominenz den Weg, der sich auf dem Weg zur später dort stattfindenden Party anlässlich des European Song Contest befand. Der Rundgang führte die Gruppe über die Reeperbahn, durch die Seitenstraßen, vorbei an der Davidswache, den in den 70-Jahren berühmt gewordenen Häusern der St. Pauli Hafenstraße und natürlich auch zu den Toren der Herbertstraße, hinter die einige Teilnehmer kurze Blicke warfen. Eine besondere Exposition war der Anblick eines völlig verschmutzen Geldautomaten, der sich neben einen Eros-Center befand. Um die Zwänge nicht allzu sehr zu reizen, wurde bei der Betrachtung einiger Abstand gewahrt. Gegen Ende des Rundgangs ging die Gruppe durch die „Große Freiheit“, wobei bereits der Name der Straße für Zwängler bereits Symbolkraft besitzt. Für das dortige Leben, mit seinen teils legendären Clubs gilt gewiss das gleiche.
Vor der Kulisse der Großen Freiheit
Beide Gruppen trafen sich dann wohlbehalten zu einem gemeinsamen Abendessen im Portugiesenviertel. Es wurde ein langer und fröhlicher Abend. Und wie wir ja aus der Verhaltenstherapie wissen, reicht eine Expositionsübung nicht aus, um seine Ängste zu bekämpfen. Darum kehrten einige der Teilnehmer danach nach St. Pauli zurück und stürzten sich ins wahre Leben.
Der Sonntag gestaltete sich vergleichsweise ruhig. Antonia Peters, Holger Müller und Wolf Hartmann berichteten über die Arbeit der DGZ und beantworten Fragen aus den Selbsthilfegruppen. Bei der Verabschiedung stellten wir wieder mal fest, wie schnell doch so ein Treffen wieder vorbei geht. Alle nahmen viele neue und überraschende Erkenntnisse aus dem Vortrag Trauma und Zwang mit und bedankten sich für die gelungene Organisation des Bundestreffens. Für viele steht fest, dass Sie bestimmt nicht das letzte Mal in Hamburg gewesen sein werden. Das nächste Selbsthilfegruppen-Bundestreffen wird in Süddeutschland stattfinden. Als Gastgeber stehen Augsburg, Dresden, Annaberg oder Freiburg bereit. Als Schwerpunktthemen wünschen sich die Gruppen „Verhaltenstherapie versus Medikation“ oder „Betroffene und Angehörige“. Über den genauen Ort und das Thema des nächsten Treffens werden wir rechtzeitig informieren. Zum Schluss möchten wir uns noch einmal ganz herzlich bei Frau PD. Dr. Susanne Fricke für den informativen und gelungenen Vortrag bedanken. Es war uns eine große Freude, Sie bei uns zu haben! In einer der nächsten Ausgaben der Z-aktuell werden wir auf das Thema „Zwang und Trauma“ noch ausführlicher eingehen. Frau Dr. Fricke wird uns dazu einen Beitrag zur Verfügung stellen.
Autoren: Wolf Hartmann, Inga Boekhoff, Antonia Peters und Holger Müller |