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Selbsthilfegruppen-Bundestreffen 2010

Freitag, 28. Mai 2010: Ankunft im agora Hotel am Aarsee in Münster.
Ehrlich gesagt, ich habe nicht vermutet, dass Münster so einen herrlichen See hat, der jetzt im Sonnenlicht entgegen schimmert. Segelboote gleiten dahin, Menschen schlendern gemächlich am Ufer entlang.

Aarsee, Münster

Als Hamburgerin zieht mich das Wasser immer an. Bei Kaffee und Kuchen, die Sonne genießend, halte ich schon mal Ausschau nach vertrauten Gesichtern. Denn einige Teilnehmer sind bestimmt schon da! Aber ich kann niemanden entdecken.

Gegen 19:30 Uhr beginnen wir, wie jedes Jahr, mit dem beliebten Begrüßungsbüfett. Ach, da sind ja die Stuttgarter!  Und da begrüßen mich die Osnabrücker herzlich. Hallo, da sind auch die Leipziger. Die Freiburger sind gleich mit 7 „Mann/Frau“ da. Da erblicke ich auch Annaberg, Lübbecke, Wetzlar, Dresden und Münster. Ein paar neue Gesichter entdecke ich auch. Es wird gleich fröhlich und intensiv erzählt und gelacht. Ist es wirklich schon wieder ein Jahr her, dass wir uns zuletzt gesehen haben? Mir ist, als wäre gestern gewesen!
Wir haben uns viel zu erzählen, dass wir gar nicht bemerken, wie die Zeit vergeht, bis die nette Bedienung uns bittet, ins Cafe zu wechseln, weil sie Feierabend machen möchte. Der harte Kern, der wieder mal kein Ende finden kann, sitzt bis nach Mitternacht zusammen und diskutiert sehr brisante Themen wie: Warum ist durch SSRI die sexuelle Lust beeinträchtigt? Gibt es ein Medikament, dass uns die Lust erhält, ohne dass SSRI abgesetzt werden muss. Ohne SSRI kommen auch die Zwänge wieder. Eine wichtige Frage, die unsere Wissenschaftler beantworten sollen. Es erstaunt mich, dass wir über so intime Fragen ganz offen sprechen können. Aber es zeigt, wie verstanden und sicher wir uns in diesem Kreise fühlen.
 
Nach einer kurzen Nacht treffen wir uns alle am Samstag zum Vortrag über Gedankenzwänge „Grübelst Du noch oder lebst Du schon?“ Unser Referent, Herr Dipl.-Psych. Thomas Hillebrand, ist niedergelassener Verhaltenstherapeut in Münster und Vorstandsmitglied der DGZ.

Thomas Hillebrand

Er beginnt seinen Vortrag mit einem kurzen Überblick zu Zwangsstörungen im allgemeinen und stellt dann das Thema Zwangsgedanken im besonderen vor. Bemerkenswert finde ich, dass er immer wieder Beispiele von Patienten aus seiner Praxis mit einfließen lässt. Man kann sehr genau nachvollziehen, wie quälend es ist, wenn er von einer Patientin berichtet, die immer wieder denken muss, ihrem Kind etwas antun zu müssen. Ein anderer denkt immer wieder den Gedanken: „Gott ist doof! “Dies gilt für ihn als Gotteslästerung und er muss diesem Gedanken immer einen positiven Gedanken entgegensetzen, um damit klar zukommen.
Doch kann man denn überhaupt therapeutisch mit diesen Zwangsgedanken arbeiten und sie zur Ruhe bringen? Thomas Hillebrand beschreibt uns sehr anschaulich, wie der Patient diesen Zwängen beikommen kann. Eine der Methoden, die Thomas Hillebrand vorstellt, ist das Katastrophisieren: Hier wird der Zwangsgedanke so übertrieben und schlimm ausgemalt, bis die Angst nicht mehr auszuhalten ist. Dieses Bild wird aufgeschrieben oder aufgenommen, und der Patient liest und hört sich diese Situation immer wieder an, bis der Gedanke als langweilig und harmlos empfunden wird. 
Stopp sagen: Wenn der Zwangsgedanke kommt, laut zu sich STOPP sagen, um den Zwang in seine Schranken zu weisen.
Im Nu waren die 3 Stunden rum. Wie schade, denn wir hätten dem Referenten noch länger zuhören können. An dieser Stelle nochmals ein herzliches Dankeschön an Thomas Hillebrand, dass er sich an seinem freien Samstag Zeit für uns genommen hat.
Nach dem leckeren Mittagsbüfett war es dann an uns Teilnehmern, das Thema Zwangsgedanken noch weiter zu diskutieren und zu vertiefen.

Wir bildeten zwei Gruppen. In meiner Gruppe sammelten wir Fragen, die wir in zwei Stunden erörtern wollten.
 
Holgers Gruppe erarbeitete an einer Beispielsituation „Ich möchte meinem Kind neue Gummistiefel kaufen! Aber diese Stiefel könnten verseucht sein! Dann könnte mein Kind sich mit schrecklichen Keimen anstecken, krank werden, und ich bin schuld daran.“ An Hand der Situation erarbeitete die Gruppe, wie und was die Betroffene gegen ihre Zwangsgedanken tun könnte.
 
In meiner Gruppe nahmen wir uns die Grübelzwänge vor, und jeder in der Runde erzählte, wie er gegen das Grübeln angeht. Hier drei Beispiele:
- Den Gedanken auf einen späteren Zeitpunkt verschieben
- Gedanken die zu 100% quälen, wird Aufmerksamkeit geschenkt, alles darunter wird gleich fallen gelassen.
- Entspannungsübungen und vieles mehr.

Am Ende stellten die Gruppen im Plenum, zu dem auch Thomas Hillebrand wiederkam, ihre Ergebnisse vor. Hier zeigte sich wieder mal, wie viel Kompetenz, Wissen und positive Energie in uns steckt.

So, nach so viel geistiger und emotionaler Arbeit hatten wir uns einen fröhlichen und genussvollen Abend verdient.

Unsere Mitarbeiterin, Dipl.-Psych. Bartholl, aus Münster und ihr Freund führten uns durch ihre Stadt, erklärten uns die historischen Bauten und brachten uns nach einer Stunde zu einem gemütlichen Restaurant am Aarsee. Es war noch so warm, dass wir das Abendessen im Biergarten einnehmen konnten.

Start zur Stadtführung
 
Als wir das Bundestreffen vorbereiteten, wussten wir nicht, dass der European Song Contest mit unserem Bundestreffen zusammen fiel. Seit Wochen hört man ja schon Lena mit „Satellite“ im Radio. Vielleicht haben wir damit ja die Chance, zumindest unter die ersten 10 zu kommen.
Klar, dass wir Lenas Auftritt gegen 23 Uhr sehen wollen. Darum fragt unser Geschäftsführer gleich nach, ob man das Großereignis hier sehen könnte. Auf der Großleinwand flimmert zur Zeit irgendein Fußballspiel. „Ja wir schalten um 21 Uhr um“, wird uns versprochen.
Pünktlich um 21 Uhr wird es kühl, und wir beschließen drinnen Platz zu nehmen. Wie versprochen hat der Wirt inzwischen den Song Contest eingeschaltet. Na, dann schauen wir doch mal, was uns da so geboten wird, bis Deutschland antritt. Die Gesangsdarbietungen waren okay. Hörte sich irgendwie alles gleich an. Dann kam unsere Lena, ihr Auftritt war richtig cool!
Das Beste am Grand Prix ist allerdings immer die Punktevergabe. Einige, die, diese Zeremonie in Ruhe auf dem Hotelzimmer genießen wollten, verließen uns. Wir deckten uns mit weiteren Getränken ein und warteten gespannt auf die ersten Punkte. Dann die ersten 12 Puntke für Germany. Stephan, neben mir sprang spontan von seinem Stuhl, riss die Arme hoch und jubelte. Die nächsten Wertungen folgten. Wenn Germany dann nur 3-4 Punkte erntete, folgte von rechts, Stephan, der Kommentar: “Ja, geht’s noch?“
Je mehr Punkte Lena bekam, umso lauter feuerten wir sie an. Als wir bei 200 Punkten standen, war klar, das Ding holen wir nach Hause.

Lena

Ich finde, man sollte den Grand Prix zukünftig nur noch mit vielen lieben Menschen ansehen. Denn das macht richtig große Freude.
 
Am Sonntag trafen wir uns dann zur Abschlussrunde.
Hier kam noch mal das Thema: Sexuelle Unlust von SSRI. Wir möchten von unseren Fachleuten wissen, ob es da irgendwelche Medikamente gibt, die helfen können?
Und auch die Tiefenhirnstimulation bei Zwängen wird als Thema genannt, zu der wir gerne mehr wissen wollen!
Wichtig war aber auch, wie die nächste Tagung gestaltet werden soll? Im nächsten Jahr 2011 gibt es eine Tagesveranstaltung, die sich mit einem Thema beschäftigen soll, dass neben der Therapie in unserem Leben eine wichtige Rolle spielen.

Als Vorschläge kommen von den Teilnehmern,
 
- Kunst und Zwang
- Alternative Therapieformen
- Zwangsstörungen bei Kindern und Jugendlichen
- Zwangsstörung und Arbeitswelt
 
Die Mehrheit der Teilnehmer wünschte sich das Thema: Zwangstörung und Arbeitswelt. In der Z-aktuell 4/2010 wird bekannt geben, welches Thema ausgewählt wurde und wo die Tagung 2011 stattfinden wird.
 
Ich warb dann für die Unterstützung bei der Öffentlichkeitsarbeit. Hier ist nicht nur die Mitarbeit bei Radio/TV-Beiträgen und der Presse gemeint, sondern es sind auch Beiträge für unsere Z-aktuell zu schreiben. Denn nur wenn auch Betroffene und Angehörige von ihrem Leben mit den Zwängen berichten, bleibt unsere Mitgliederzeitung abwechslungsreich.
 
Unser großes Familientreffen in Münster war fröhlich, herzlich und sehr informativ.

Wir danken den Krankenkassen, die mit der Selbsthilfeförderung solche wichtigen und schönen Treffen erst möglich machen.
 
Tschüss Münster!
Wir freuen uns alle schon auf das Treffen 2011 in Freiburg!

Autorin: Antonia Peters


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