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Selbsthilfegruppen-Bundestreffen 2011

„Man fühlt sich wie in einer großen Familie…“
Eindrücke vom Selbsthilfegruppen-Bundestreffen 2011

Sie soll eine der wärmsten Städte in Deutschland sein – und war am 28. und 29. Mai sicher auch für zwei Tage die mit den meisten Zwangsbetroffenen auf einem Haufen: Freiburg im Breisgau und die dortige Selbsthilfegruppe hatten in diesem Jahr eingeladen und die DGZ sowie Vertreter aus zehn Gruppen im gesamten Bundesgebiet kamen zum Selbsthilfegruppen-Bundestreffen 2011.

Die badische Herzlichkeit zeigte sich gleich am Vorabend der eigentlichen Veranstaltung: Wie üblich gab es für die frühzeitig Angereisten bereits am Freitag ein Abendprogramm, das zum ersten Kennenlernen und Austauschen in einem Lokal inmitten Freiburgs gedacht war.
Alte und neue Gesichter begegneten sich in Freude über das Wiedersehen oder im Interesse der Geschichten von denen, die bislang noch nicht an den alljährlichen DGZ-Zusammenkünften der Betroffenen aus den Selbsthilfegruppen beteiligt waren.

Auch wenn es ein längerer Abend wurde, startete die eigentliche Tagesordnung pünktlich am Samstag um 9.30 Uhr. Die Vorsitzende der DGZ, Antonia Peters, begrüßte auch im Namen der Freiburger Gruppe rund 50 Anwesende sowie die Referentin des Vormittags, Frau Dipl.-Psych. Dr. Silke Maier, Stationspsychologin der Fachabteilung für Zwänge an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Freiburg. 


Vortrag: „Umgang mit ‚Normalos‘
Die Selbsthilfegruppe in Freiburg hatte den Wunsch geäußert, dieses Jahr das Thema vom Umgang zwischen Zwangserkrankten und „Normalos“ näher zu beleuchten. Gleich zu Beginn stellte Frau Dr. Maier dazu fest, dass sie in der Erarbeitung ihres Vortrages zunächst an dieser Begrifflichkeit angestoßen wäre. „Es gibt keine ‚Normalität‘“ – diese zentrale Aussage ganz am Anfang ihrer Ausführungen führte zu hörbarer Erleichterung und Zustimmung unter den Anwesenden. Untermauert wurde diese Feststellung mit handfesten Zahlen: 42,6 % der Deutschen erkranken im Laufe ihres Leben an einer psychischen Störung. Und blickt man auf die körperlichen Probleme oder die des Alltags, so bleibt wohl niemand von Herausforderung und Leid verschont.

Frau Dr. Maier beschäftigte sich zunächst mit dem Thema „Outen“. Eigentlich bekannt aus der Homosexuellen-Szene ist das Bekenntnis zur eigenen Persönlichkeit mit allen denkbaren Eigenschaften heute Aufgabe für viele. So befinden sich auch Zwangserkrankte auf dem Kontinuum zwischen „Verstecken“ und „Preisgeben“. Entscheidend ist nach Ansicht Maiers dabei nicht nur das Umfeld, in welchem das „Outing“ geschieht, sondern insbesondere auch die Frage der Beziehung und des Vertrauens zu den Personen, die „eingeweiht“ werden sollen. „Alles zur rechten Zeit“ – Maiers Aussage schien klar: Jeder „Zwängler“ entscheidet selbstbestimmt, wann, wo und wie er über seine Besonderheit sprechen will. Gleichzeitig ermutigte die erfahrene Stationspsychologin aus ihrer Praxiserfahrung, dass die meisten Betroffenen überaus positive Erfahrungen mit dem „Outen“ gemacht hätten.

Im weiteren Verlauf verwies Maier auf das übertriebene Verantwortungsgefühl von Zwangserkrankten, welches in doppelten Standards sichtbar werde: An sich selbst stellen Betroffene überaus hohe und teils übertriebene moralische Anforderungen, während sie bei Anderen geringe Ansprüche haben. Das Anlegen von unterschiedlichen Maßstäben führe zur besonderen Schwierigkeit für den Zwangserkrankten selbst im Umgang mit seinem Umfeld. Ähnliches gilt auch für die einseitige Ursachenzuschiebung: Schuld für Negatives suchen Zwangserkrankte zumeist immer bei sich selbst, Positives und dessen Auswirkungen sind „Zufall“. In diesen Prozess der unterschiedlichen Bewertung spielt nach Maiers Einschätzungen bedeutend die Trennung von Gefühl und Verstand mit ein.

Blickt man auf die Auswirkungen von Zwängen für die Umgebung der Betroffenen, die sogenannten „Systeme“ wie Familie oder Arbeitsplatz, so sind gerade Angehörige ganz speziellen Herausforderungen ausgesetzt. Nicht selten müssen sie sich unterordnen oder bei massiver Belastung des Betroffenen durch die Zwänge mit großer Emotionalität umgehen. Die Einbindung des Umfeldes, beispielsweise durch kontinuierliches Rückversichern, kann nur schwerlich durchbrochen werden. Wichtig scheint aus Maiers Perspektive, mit dem Betroffenen auf die Funktionalität des Zwangs einzugehen.

Auch im Berufsleben stehen Zwangserkrankte häufig in einem falschen Licht, der Umgang mit „Normalos“ dort wird nicht selten durch Missverständnisse oder Vorurteile erschwert. Die immer wiederkehrenden Rückversicherungen tragen zu einer Verlangsamung der Arbeit bei, was von Arbeitgebern oder Kollegen fälschlicherweise oft als Faulheit ausgelegt wird. Werden bei den Betroffenen Zwangshandlungen bemerkt, werden die Erkrankten von Mitarbeitern schräg beäugt oder merkwürdig beobachtet. Die Folgen sind vielfältig: offene und ungeklärte Fragen oder Auseinandersetzungen, die Dreifachbelastung aus den eigentlichen Zwängen, dem Umgang damit am Arbeitsplatz und den schwierigen zwischenmenschlichen Beziehungen sowie weiterhin eine klare und fühlbare Stigmatisierung. Spätestens bei einem Krankenhausaufenthalt oder einem längeren Ausfall stellt sich auch an der Arbeitsstelle die Frage, ob sich der Betroffene „outen“ soll oder nicht.

Frau Dr. Maier kam in ihrem von Karikaturen und anschaulichen Grafiken und Übersichten geprägten Referat, das auch ein Video über das Interview mit einer Betroffenen und den Auswirkungen ihrer Zwangserkrankung auf das Umfeld beinhaltete, zu dem Ergebnis, dass die Abwägung über das Preisgeben von Informationen über die eigene Erkrankung individuell geschehen muss.

In der anschließenden Diskussion, die wesentlich von der Frage nach dem „Puting“ am Arbeitsplatz geprägt war, plädierte Maier auch für eine im Zweifel eher zurückhaltende Einstellung. Die Frage sei insbesondere, in wie weit der Zwang auch Einfluss auf den Beruf habe. Es könne nicht immer ratsam sein, sich zu öffnen – wohl gerade dann nicht, wenn man als Betroffener selbst Chef von Mitarbeitern ist. Zustimmung erhielt Maier dafür, dass ein Preisgeben im Bekanntenkreis erheblich von der Vertrauensbasis abhängig ist. Für ihre verständlichen und ehrlichen Antworten erhielt die Referenten einen gesondert langen Applaus und Anerkennung mit Blumen.

In der Mittagspause hatte die DGZ die Anwesenden zu einem gemeinsamen Essen im „Kolping Stadthotel“ an der Freiburger Karlstraße eingeladen, worin sich auch die Tagungsräume befanden. Bei einem reichhaltigen Buffet war Zeit für Reflexion auf den vormittäglichen Vortrag und für weitere Gespräche der Gruppenleiter untereinander über ihre jeweilige Arbeit.

Workshops
Am Nachmittag bildeten sich zwei Workshops mit unterschiedlichen Fragestellungen. Während sich eine Arbeitsgruppe den Erfahrungen von Betroffenen mit ihrem „Outing“ widmete, fragte die zweite nach den Wünschen und Erwartungen der Zwangserkrankten an ihre Angehörigen und das Umfeld. Nach einer jeweiligen Vorstellungsrunde stiegen beide Workshops in die Diskussion ein und erarbeiteten für die jeweils andere Arbeitsgruppe einen Aufschrieb, der zum Abschluss des Tages im Plenum präsentiert wurde.

Nach dem offiziellen Ende der ersten siebeneinhalb Stunden des Bundestreffens luden Gruppenmitglieder aus Freiburg zu einem Stadtrundgang ein. Entlang der kleinen Bäche in der Altstadt, dem historischen Münster und verwinkelten Ecken klang der Samstag gemeinsam im Restaurant aus – wiederum mit viel Gelegenheit zum Gespräch über Zwänge und Zwangloses.

Am Sonntagvormittag waren noch rund 30 Vertreter aus dem Selbsthilfebereich anwesend. Ziel der letzten drei Stunden des diesjährigen Zusammenkommens war der Bericht aus den einzelnen Gruppen über den aktuellen Stand der Aktivitäten.

Sonntag
Insgesamt berichten die Gruppenleiter davon, dass es schwierig ist, Mitglieder zu gewinnen und fest in den Treffen zu verankern. Besonders schwer fällt dies beispielsweise bei jungen Betroffenen, aber auch in Gruppen, in denen viele Teilnehmer erwerbsunfähig sind. Selbst wenn manche Teilnehmer die Selbsthilfe nicht zu brauchen scheinen, gibt die Gruppe doch vielen immer wieder neue Ermutigung, so die einhellige Meinung. Wichtig scheint, Neumitglieder nach dem ersten Treffen über ihren Eindruck zu befragen und herauszubekommen, ob eine weitere Teilnahme angestrebt ist.

In der letzten Stunde des Bundestreffens berichteten DGZ-Geschäftsführer Wolf Hartmann und die Vorsitzende über die Beteiligung an der Erstellung der S 3 – Leitlinien. Diese stellen die wissenschaftlich auf höchstem Standard unter Berücksichtigung aller Studien zusammengetragenen Behandlungsempfehlungen dar.

Wolf Hartmann formulierte als letzten Punkt die Beteiligung der DGZ im „Aktionsbündnis für seelische Gesundheit“. Das von der DGPPN (Deutsche Gesellschaft Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde) gestartete Zusammenwirken aller Fach- und Selbsthilfeverbände aus dem Bereich der psychischen Erkrankungen hat das Ziel, seelische Probleme in ihrer Anerkennung auf die gleiche Stufe mit anderen Krankheiten zu bringen. Das Netzwerk, das derzeit entsteht, hat sich 2010 eine Satzung gegeben und wird 2011 Wahlen für eine Steuerungsgruppe (Vorstand) durchführen. Die DGZ wird sich wohl um einen Sitz darin bewerben. Am 20. Juni 2011 tagt das Aktionsbündnis für die weiteren Weichenstellungen.
  
In der Abschlussrunde wurde schließlich deutlich, dass das Bundestreffen wieder einmal ein großer Erfolg war. Der einhellige Tenor lautete: „Man fühlt sie wie in einer großen Familie“. Das Vertrauen und die Offenheit wurden gelobt, die Atmosphäre des Miteinanders gewürdigt. Ein Dank ging an die Freiburger Selbsthilfegruppe für die Organisation; bereits am Samstag war Wolf Hartmann als Geschäftsführer der DGZ mit einem Präsent für all die Arbeit, die um das Bundestreffen entstanden ist, gedankt worden. Gleiches galt für die Vorsitzende Antonia Peters und das Mitglied des Vorstands, Holger Müller.

Ein Dank erreichte aber auch die „Techniker Krankenkasse“, die die Veranstaltung mit 2700 Euro bezuschusst hat.
 
Autor: Dennis Riehle, SHG-Konstanz


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