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Marionette

(von Gabi R.)

Ich vergleiche diesen Zustand in den Zwängen mal mit einer Marionette. Im Zwangszustand war ich eine solche Marionette. Während der Therapie wurden allmählich die Bänder (Zwänge), an denen ich mich festhielt, zerschnitten. Jedes Band, was mich nicht mehr hielt, löste ein Schwanken und ein Taumeln aus, denn ich war es nicht gewohnt, ohne dieses Band zu gehen. So fiel ich zur Seite, die anderen Bänder zogen umso mehr, weil sie mich wieder in den Ausgangszustand zurück versetzen wollten. Dann ein weiterer Schnitt, dann noch einer. Ich fiel, taumelte, raffte mich auf, fiel erneut, stand auf und übte mich dann im Alleingang.
Heute sind die dicksten Bänder vielleicht gekappt, aber Fäden halten mich noch immer.
Damit will ich sagen, dass gewisse Sicherheiten, die mir der Zwang bietet, ganz schwer aufzulösen sind.
Als Marionette ging es mir niemals gut. Ich war immer unfrei und ängstlich. Mir war es ein starkes Anliegen, "normal" zu sein. Doch konnte ich nie definieren, was das Normalsein für mich bedeutet. Heute würde ich meinen, wenn ich das Gefühl habe, mich selbst zu spüren, falls ich mit anderen Menschen zusammen bin, dann bin ich normal. Es war so, dass ich immer sehr harmoniebedürftig und angepasst war. Bloss keinen Streit oder eine Unstimmigkeit produzieren, habe ich gedacht. Sonst bist du irgendwann ganz alleine. Alleine sein hieß für mich, niemanden zu haben, an dem ich mich orientieren kann und der mir sagt, was ich zu fühlen und zu denken habe.
Entscheidungen zu fällen, die mich selbst betreffen und mein Leben verändern könnten, ist auch heute eine äußerst schwierige Sache. Denn ich weiß im Voraus nicht, wie sich mein Leben dann gestalten wird.
In der Zwangsstörung war ich auch ein Mensch, aber nicht der, der ich eigentlich war. Klingt jetzt sehr komisch. Damit möchte ich sagen, dass ich mich damals als einen extrem ängstlichen, hilflosen und schlechten Menschen gesehen habe. Das war ich im Zwang.
Aber irgendwo in mir schlummerte die Frage, ob jemand Anderes aus mir werden könnte? Ob ich wirklich der Mensch bin, den ich darstelle. Deshalb war ich zwar im Zwang ich selbst, nur war mir durch meine Grundvoraussetzung (die, ein schlechter und bösartiger Mensch zu sein) ein unbeschwertes und leichtes Leben niemals möglich.

Vielleicht bedeutet Normalsein, die Welt und das eigene Leben nicht mit den Augen einer Marionette zu sehen. Also nicht unter der Voraussetzung, ein schlechter Mensch zu sein, der nur schlechtes und negatives Erleben verdient hat. Normalsein heißt vielleicht, das Leben ohne Angst und Druck anzuschauen. Dann siehst du, so glaube ich heute, etwas anderes als im Zustand einer Marionette. Ich habe das Gefühl, alles (!) wird echter und klarer.

Ich bin noch immer eine kleine Marionette. Wichtig war es mir, und ist es auch jetzt, meine Anliegen oder Wünsche, die ich persönlich hatte/habe, durchzusetzen. Im Arbeitsleben gelang mir das leichter als im privaten. Das Arbeitsfeld ist unpersönlicher als das private. Ich weiß, dass ich immer ein melancholischer und zögerlicher Mensch sein werde. Keine strahlende und lebhafte Person, die, wenn sie einen Raum betritt, sofort im Mittelpunkt steht. Das kann ich akzeptieren. Sich in sich selbst sicher fühlen, sich gut fühlen so wie man ist, so wie es sich in einem selbst anfühlt...dazu ist es wichtig, nicht zu leugnen, was man möchte, was man denkt, was man fühlt. Ehrlich sein, auch "nein" sagen dürfen.
"Nein" zu sagen, ist eine äußerst schwierige Angelegenheit. Die Unruhe und die Angst, die sich danach einstellen, auszuhalten, dauert lange. Das Grübeln, welches einem sagt, dass Menschen mit dir unzufrieden oder wütend sind, abstellen. An deiner eigenen Entscheidung festhalten, weil du es willst.

Irgendwann fühlst du dich normal, weil du echt bist.
Ich habe im Zwang gelebt. Das vorherrschende und immer existierende Grundgefühl war Angst. Angst mit einer riesigen Portion Schuld.

Ich bin überzeugt, dass kein Mensch geboren wird, der in Angst und in Schuld leben soll. Angst und Schuld sind widerliche Gefühle. Wirklich und wahrhaftig widerlich. Damit für immer leben zu müssen, macht keinen Spass, macht keinen Sinn.

Ohne Zwang, Angst und Depression fühlt sich das Leben anders an. Ich würde meinen, besser .


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