> Buchbesprechung
Für Sie gelesen von Dr. Michael Foltys
Verhaltenstherapie bei Zwangsstörungen
Einleitend geht Professor Hand auf die Notwendigkeit der Anwendung der sogenannten "strategisch-systemischen, multimodalen Verhaltenstherapie" bei Zwangsstörungen ein: neben der psychopathologischen Differentialdiagnostik sind die Motivationsanalyse beim Patienten, seinem Umfeld und beim Therapeuten die biographische Analyse zur Identifizierung verursachender und aufrechterhaltender Faktoren und die Funktionsanalyse im sozialen Umfeld des Patienten gleichwertig durchzuführen. Dies geschieht nach Hand bewußt in Abgrenzung zum anglo- amerikanischen Verhaltenstherapieverständnis, das sich vielfach auf symptombezogene Kurzzeit- Intervention beschränkt, ohne ausreichende "follow-up"- Erforschung.
Die im nachfolgenden dargestellten, sehr praxisnahen Fallberichte sowohl aus dem ambulanten als auch aus dem stationären Bereich rechtfertigen den eingangs formulierten Anspruch an eine multimodale Verhaltenstherapie in der kassenärztlichen Versorgungspraxis. Dies ist insofern besonders bemerkenswert, da gegenwärtig in vielen Bereichen des Gesundheitssystems gespart werden muss.
Als Psychotherapeut, der sowohl eine verhaltenstherapeutische als auch tiefenpsychologische Ausbildung absolviert hat, freut es mich besonders, dass aus vielen Fallbeispielen des Buches hervorgeht - Verhaltenstherapie bedeutet nicht nur das "Abtrainieren von Symptomen", sondern auch das Eingehen und Bearbeiten der intrapsychischen Funktionalität beziehungsweise des intrapsychischen Konflikts. Dabei lassen sich symptomspezifische Techniken mit Techniken, die auf die Bearbeitung der verursachenden Konflikte eingehen, zielführend kombinieren. Beispielsweise beschreibt Herr Ecker in seinem Fall einer Patientin mit schweren Zwangsgedanken, wie es mit Hilfe von präzise ausgewählten Reiz- Konfrontationsübungen gelungen ist, während des Expositionstrainings bis dahin durch die Zwangssymptomatik verdecktes, biographisches Material zu Tage zu fördern. Die damit einhergehende emotionale Katharsis legte den Grundstein für den späteren Therapieerfolg.
Insgesamt wird dem Leser ein breites Spektrum von Verhaltenstherapien bei Zwängen vorgestellt. Dies betrifft - wie oben beschrieben - multimodales Vorgehen, symptomorientiertes Vorgehen oder auch spezielle Vorgehensweisen, zum Beispiel der "Therapie am Symptom vorbei" bei Zwängen, welche noch nicht lange bestehen.
Dabei lautet eine Botschaft des Buches- so wie es nicht den Zwang gibt, gibt es auch nicht das normierte Vorgehen in der Verhaltenstherapie. Die Therapie muss jeweils auf das Individuum genau abgestimmt werden. So ist es nicht verwunderlich, dass in einem Fall die Aufarbeitung der Funktionalität dem Expositionstraining vorangestellt wird (Beitrag von Frau Huwig- Poppe), während in einem anderen Fall auf die Gefahren eines zu frühen Eingehens auf die Psychodynamik, beziehungsweise auf die Funktionalität der Symptomatik hingewiesen wird (Fall von Herrn Ecker). Darüber hinaus existieren auch Fälle, bei denen ein ausschließliches Expositionstraining unter Verzicht, beziehungsweise nicht Auffinden von bedeutsamen biographischen Materials oder intrapsychisch-interpersonellen Funktionalitäten dennoch zu einem stabilen Behandlungserfolg führte (Beitrag von Herrn Hillebrandt).
Für Psychiater wie für Psychologen, die überwiegend im stationär- psychiatrischen Bereich tätig sind, ist der Beitrag von Herrn Rufer besonders interessant. Hier wird auf die diffizile Problematik von Zwang und Psychose und den Spezifika eines Expositionstrainings, beziehungsweise den Fragen der medikamentösen Begleitbehandlung eingegangen. Unter Rückbesinnung auf die eigenen langjährigen Erfahrungen im stationär- psychiatrischen Bereich werden aus meiner Sicht sehr praxisnahe Vor- und Nachteile des einen oder anderen Vorgehens eher abgewogen als vorgegeben und dies unter Einbezug aktueller Fachliteratur.
Ein weiteres spezielles Problemfeld stellen Zwänge und komorbide Persönlichkeitsstörungen dar. Auch hier werden sehr praxisnahe und gut nachvollziehbar spezielle Vorgehensweisen der Verhaltenstherapie beschrieben, wenn sich neben der Therapie der Zwänge Aspekte der Persönlichkeitsstörung speziell auf die Interaktion zwischen Therapeuten und Patienten auswirken (Beiträge von Frau Fricke und Frau Huwig- Poppe).
Aus meiner Sicht sind zusammengefaßt die Stärken dieses Buches vor allem in der hohen Praxisorientiertheit zu sehen. Sowohl die Verhaltensanalyse, als auch das verhaltenstherapeutische Vorgehen basieren auf aktuellen Forschungsergebnissen. Die Spezifika der Zwänge sind inhaltlich ausgewogen dargestellt.
Das Fachbuch ist eine hervorragende Arbeitsgrundlage für Psychotherapeuten und Ärzte, insbesondere auch für die Arbeit von Lehrtherapeuten mit ihren Ausbildungskandidaten. Wünschenswert wäre bei einer erneuten Auflage die Berücksichtigung der "Heimexposition", deren Bedeutung unumstritten ist. Des Weiteren könnten auch Aspekte der "Therapie am Symptom vorbei" dargestellt werden. Die Praxis zeigt, dass Kurzzeittherapie-Interventionen bei noch nicht lang bestehender Zwangssymptomatik, unter Berücksichtigung von dosiertem und fokussiertem Einbezug der Funktionalität, relativ rasch (unter 20 Behandlungsstunden) zum Behandlungserfolg führen können. Dies würde die oft vorherrschende Meinung entkräften, dass es sich bei der Therapie von Zwängen oft um ausgesprochen schwere Langzeitfälle handelt.
S. Fricke, M. Rufer, I. Hand (Hsg.)
Verhaltenstherapie bei Zwangsstörungen - Fallbasierte Therapiekonzepte
Urban & Fischer, München, Jena
1. Auflage 2006 - Preis 49,95 €